Zwischen Smart Shoes und Mass Customization

Wohin geht der Weg für die Produktionstechnik von Schuhen? Moderne Technologien wie CAD und 3D-Drucker, aber auch Smart Shoes bieten Unternehmen neue Chancen, die Produktion und Prozesse weiter zu verbessern und so die Herausforderungen des Marktes erfolgreich zu bewältigen. Dieser Beitrag beleuchtet die wichtigsten Trends, die im Mai kommenden Jahres auch auf der Texprocess zu sehen sein werden.

Zu den in der Schuhverarbeitung heute eingesetzten Produktionstechniken gehört auch Rapid Prototyping. Die schnelle Musterung ist mit leistungsfähigen Desktopgeräten unter 3.000 EUR und farbigen Verbrauchsmaterialien auch für kleine Betriebe und Entwicklungsbüros erschwinglich geworden. Ohne Input kein Output – die Daten für einen Prototyp kommen aus den CAD-Programmen, die immer spezifischere Branchenlösungen bieten. Der zentrale Diskussionspunkt ist die direkte Vernetzung zwischen Produktentwicklung (CAD), Produktdatenmanagement (PDM) und Ressourcenplanung (ERP) durch eine entsprechend leistungsfähige Datenbank. Firmenhistorisch bedingt sind in vielen Unternehmen diese Bereiche mit Insellösungen ausgestattet. Hier drohen Reibungsverlust, Doppelarbeit und Intransparenz der Prozesse. Das kostet dem Unternehmen Geld und ist Gift für die Wirtschaftlichkeit. Auch wenn Kredite in Deutschland im Moment billig sind und die Wettbewerber aus Fernost mit steigenden Lohnkosten kämpfen, gilt die Schuhbranche bei den Bankern als riskant und wenig vertrauenswürdig. Da heißt es, die noch verborgenen Schätze zu heben.

Kein Schnee von gestern: Prozessoptimierung

Die schnelle Musterung und der verkürzte Weg zur Produktion sind dank IT möglich. Doch was hilft das, wenn der betriebliche Ablauf nicht optimiert ist? Prozessoptimierung bietet, sagt Theo Kuffler, Geschäftsführer der RG Technologies GmbH, Feldkirchen-Westerham (D), immer noch viel Potenzial zur Kostenreduzierung für mitteleuropäische Betriebe. Stichworte sind „Prozesssteuerung und -sicherung“, „Reproduzierbarkeit der Qualität“ und „flexible Automatisierung“. Nichts Neues, aber anscheinend auch heute noch ein Thema in der Fertigung. Die Entwicklungen seitens der Maschinenhersteller können dazu beitragen, den Aspekt „flexible Automatisierung“ zu bedienen: Zuschnitttechnologie in direkter Anbindung an das CAD-System sowie programmierbare Näh- und Montagemaschinen. Auf der einen Seite verkürzen beide Ansätze die Arbeitsprozesse (es entfallen Teilprozesse wie z.B. Schablonen oder Stanzformen herstellen) sowie die Rüstzeiten (Abruf der Programme durch Knopfdruck) und erleichtern damit die Qualitätssicherung. Auf der anderen Seite bedeutet beides Investition in Maschinen und Anlagen sowie in die Schulung der Mitarbeiter, die die Programmierung leisten sollen.

Zwischen Hype und Marktfakten

Zu den Hypes zählen wohl die Smart Shoes, denn erste kommerzielle Anwendungen betreten nur zögerlich den Markt. Zum Beispiel mit GPS ausgestatteten Schuhen für Menschen, die an Demenz, Alzheimer oder Autismus leiden (GPS SmartSoles, Los Angeles (USA)), oder Einlegesohlen mit Bluethooth-Anbindung an Google Maps, die durch Sprach- oder Fußbewegungen Kommandos empfangen und die zu gehende Route durch Vibration anzeigen (Lechal, Secunderabad (Indien)).

Wissenschaftlich untersucht und durch die Reihenmessungen 2009 belegt (PFI, Pirmasens (D), in Kooperation mit dem TiB Dr. Richter gGmbH, Thalheim (D), und dem Bekleidungsphysiologischem Institut Hohenstein, Bönnigheim (D)), sind die Veränderungen der Füße: Die Füße sind breiter und voluminöser geworden, das Verhältnis von Vorderfuß und Ferse ist verändert, die Menschen haben auch längere Füße. Dr. Simone Flick, Sport Scientist und Department Manager Research and Development beim ISC, Pirmasens, folgert daraus, dass nicht nur die physischen Leisten angepasst werden müssen, sondern auch die der Gradierung zugrundeliegenden Parameter: Die Gradierung bis in die großen Randgrößen dürfe nicht linear verlaufen, darunter leide die Passform. Gerade das würde bisher so gehandhabt und sollte geändert werden.

Dieses Detail ist auch relevant für Ellen Waßmann, Referentin für Normung beim Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS|L), denn: Rund 60 Prozent der Arbeitnehmer haben Fußprobleme und Sicherheitsschuhe würden zunehmend in Größen 52/53 bis Weite 15 nachgefragt. Ganz aktuell befasst sie sich mit dem EU-Entwurf der Verordnung für persönliche Schutzausrüstung (PSA), die in den nächsten Jahren die PSA-Richtlinie 89/686/EWG ablösen soll. Die Schuhbranche betreffen neue Definitionen für orthopädische Maßschuhe und Zurichtungen, auch für Sicherheitsschuhe. Doch Ellen Waßmann gibt Entwarnung: Die Richtlinie biete eine bessere Verständlichkeit, keine weiteren Verschärfungen. Gleichzeitig verweist sie auf den Leitfaden für die europäischen zertifizierten Prüfstellen (Recommendation of Use, 2013) sowie die DGUV Regel 112-191 (bisher BGR 191) zur Benutzung von Fuß- und Knieschutz bzw. die ÖNORM Z1259 für orthopädische Sicherheits- und Berufsschuhe, die inhaltlich die zu erwartende PSA-Richtlinie vorwegnehmen.

Mass Customization als Marktforschungsinstrument

Neben Schutz und Geherleichterung sind Schuhe Mode. Der Handel zeigt eine überwältigende Fülle von Designs, aber dennoch wollen Individualisten „ihren“ Schuh online designen – im Fachjargon Mass Customization. Kein Problem dank industrieller Einzelfertigung, die zwar etwas mehr kostet und etwas dauert, bis der Kunde das gute Stück in den Händen hält. Vorreiter war 1999 Sportschuhhersteller Nike, bald folgten weitere Anbieter. Über den Marktanteil von Mass Customization im Schuhsegment heute lässt sich nur spekulieren. Der Vorteil ist jedoch die direkte Interaktion mit dem Schuhträger, der mutmaßlich nicht nur internet-affin ist, sondern auch ein Vorreiter in Sachen Schuhmode. Die Analyse der Bestellungen gibt Aufschluss auf die Präferenzen der Zielgruppe. Das lässt sich in die nächste Kollektion einarbeiten.

Marc Chalupsky

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