Trade not Aid – Nachhaltiges Fashionsourcing in Afrika

Als Gastgeber der UN-Klimakonferenz hat Afrika jüngst mit vielbeachteten ökologischen Leuchtturmprojekten im Politfeuilleton für Aufsehen gesorgt. Die Wirtschaftsredaktionen befassen sich mit dem durch das AGOA Abkommen gewährten zollfreien Zugang zum US-Markt. Demographische Probleme sind unbekannt, die Bevölkerung wächst und mit ihr die Volkswirtschaften und die Arbeitsmärkte. Allen nach wie vor schwelenden Krisen zum Trotz baut der afrikanische Kontinent an einer neuen Vision für seine Zukunft. CR-Experte Alex Vogt fragt, was diese Entwicklung für die Textilbranche und insbesondere für die nachhaltige Mode bedeutet.

Rund um die UN-Klimakonferenz im marokkanischen Marrakesch erhielt das staunende, internationale Nachrichtenpublikum einen Einblick darin, welche vorbildlichen und radikal nachhaltigen Transformationen im Land von König Mohammed VI. bereits Realität geworden sind: Solarpanels ermöglichen eine dezentralisierte Ökostromversorgung in ländlichen Gegenden. Der Solarkomplex in Ouarzazate ist als das größte Sonnenwärmekraftwerk der Welt geplant und soll 1,2 Millionen Menschen mit sauberer Energie versorgen – vier weitere Anlagen werden folgen. Und auch die öffentliche Mobilität soll sukzessive elektrifiziert werden. Gleichzeitig haben die Golfstaaten im Nordosten Afrikas ein Rennen um die aufregendste grüne Idee der Region begonnen: von der energieautarken Wüstenstadt bis zur CO2-neutralen Fußball-WM reichen die Ideen.

Das afrikanische Wachstumsszenario
Das Apparel, Fashion und Luxury Team der Unternehmensberatung McKinsey hat in einer CPO-Studie mit dem Titel „The global sourcing map – balancing cost, compliance, and capacity“ bereits vor drei Jahren die Frage gestellt, ob das subsaharische Afrika beim Sourcing substantiell an Bedeutung gewinnen wird. Über drei Viertel der teilnehmenden Manager waren der Meinung, dass dies sicher oder wahrscheinlich so sein wird. Und bereits heute sind einige der größten Modeproduzenten in Afrika aktiv: neben europäischen und nordamerikanischen Brands wie H&M, Inditex, PVH und VF Corp. sind hier vor allem große asiatische und insbesondere chinesische Unternehmen wie Li & Fung sowie indische und türkische Produzenten aufzuzählen.

Die Ergebnisse der Befragung veranlassten die Berater im vergangenen Jahr dazu, sich der Region mit einer eigenen Studie zuzuwenden, die die Beobachtungen bestätigte: Derzufolge werden China und Bangladesch zwar ihre Führungsposition behaupten, doch werden anderen Regionen ein wesentliches Wachstum verbuchen können. So auch, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau, Afrika, für dessen Anteil am Beschaffungsmarkt die CPOs laut McKinsey eine Verdreifachung prognostizieren: von unter einem auf circa drei Prozent. Vor allem die steigenden Lohn- und Betriebskosten werden in diesem Kontext als Treiber für die Wanderungsbewegung angeführt. Und da alleine die für die zitierte Studie befragten Einkaufschefs ein EK-Volumen von rund 70 Milliarden US-Dollar repräsentierten, lässt sich für den afrikanischen Textilmarkt trotz des prozentual niedrigen Gesamtanteils ein dynamisches Wachstumsszenario voraussagen.

Kann Afrika auch grün?
Doch wie schaut es im nachhaltigen Segment aus? Kann Afrika auch hier ein ernstzunehmender Beschaffungsmarkt werden? Werden Ecofashion und Afrika in einem Satz genannt, fällt im nächsten nahezu immer „Baumwolle“. Denn Projekte wie Cotton made in Africa (CmiA), Fairtrade, Textile Exchange, Remei und andere haben dazu beigetragen, dass afrikanische Baumwolle im „preferred Fibers“ Markt, also den nichtkonventionell, sondern ökologischer oder mit einem sozialen Mehrwert angebauten und gehandelten Fasern – der inzwischen immerhin fast 9 Prozent des gesamten Baumwollmarktes ausmacht – einen exzellenten Ruf genießt. Alleine die Fairtradeprojekte in den vier Ländern Kamerun, Senegal, Burkina Faso und Mali stellen den Lebensunterhalt von mehreren Tausend Kleinbauern sicher und haben im vergangenen Jahr rund 15.000 Megatonnen (mt) Baumwolle produziert; und diese Erfolgsbilanz fällt noch vergleichsweise niedrig aus, verglichen mit den über 340.000 mt CmiA-Baumwolle des Anbaujahres 2015.

Doch über 90 Prozent der in Süd- und Ostafrika angebauten Baumwolle wird heutzutage zur weiteren Verarbeitung in andere Kontinente exportiert. Die Vermutung liegt nahe, dass Afrika zwar eine Anbauregion für nachhaltige Fasern ist, es aber an adäquaten Produktionsstandorten fehlt. Doch auch in dieser Beziehung lassen sich erstaunliche Entwicklungen beobachten: So finden sich in der Datenbank des Global Organic Textile Standard (GOTS), des weltweit angesehensten Standards für ökologische und soziale Produktion, nicht weniger als 38 zertifizierte Produktionsstätten in sieben afrikanischen Ländern, die nahezu alle Prozessschritte umfassen und quasi jede Produktgruppe einschließen.

Sourcingpotenziale für Groß und Klein
Dabei ist der Kontinent auf dem besten Weg, für Modeunternehmen jeder Größenordnung zu einem festen Bestandteil ihrer Beschaffungsstrategie zu werden und hat dabei die realistische Chance, neben den Lohnkosten vor allem nachhaltige Aspekte als entscheidendes Diversifizierungsmerkmal gegenüber den süd- und ostasiatischen Produktionsregionen zu spielen. Der Vorteil Afrikas: Da sich die Strukturen vielfach noch im Aufbau befinden, lässt sich die ökologische und soziale Dimension vom Anfang der Zusammenarbeit an berücksichtigen und muss nicht nachträglich und mühsam implementiert werden.

Beispielsweise präsentiert die Homepage des Africafashionguides eine Vielzahl von Beispielen zum nachhaltigen Modesourcing auf Grassroot- und mittlerem Level in Afrika. Doch auch Global Player machen sich die Dynamik zunutze: So hat Asos mit dem 2014 gegründeten SOKO Kenya Community Trust einen Partner gefunden, der faire und sichere Produktion garantiert und mit dem der Retailer nun unter dem Label „Made in Kenya“ zusammenarbeitet. Transparenz und eine hohe soziale Verantwortungsübernahme zeichnen diese Kooperation aus.

Generell erscheint Äthiopien als das Land der Stunde: Von H&M über Primark bis hin zu Tesco haben viele große Modekonzerne und -händler das Land als Produktionsstätte für sich entdeckt. Und die Messe Frankfurt hat jüngst bekannt gegeben, dass sie ab dem kommenden Jahr eine Partnerschaft mit der Africa Sourcing & Fashion Week in Addis Abeba starten und mit Texworld, Apparel Sourcing und Texprocess ihre Plattformen für die Lohnkonfektion und die Textilindustrie in das ostafrikanische Land bringen wird.

Alle Chancen für eine grüne afrikanische Erfolgsstory sind gegeben
Für Afrika scheint der Status Quo hinsichtlich der Positionierung im internationalen Textilsourcing eindeutig: Der Kontinent steht am Anfang einer wirtschaftlichen Wachstums- und Erfolgsstory. Es gilt nun, die richtigen Weichen zu stellen, damit von diesem Wachstum nicht nur transnationale Konzerne, sondern auch die Bevölkerung und die Volkswirtschaften vor Ort profitieren und die Modeproduktion in Afrika auch zu ihrer Erfolgsstory wird.

Es gibt einige Anlässe, daran zu glauben, dass nachhaltiges Modesourcing eine echte Zukunftsoption für Afrika wird. So gibt es seit Jahrzehnten organisch gewachsenes, modisches, ökologisches und soziales Know-how – sei es in Ägypten mit der Kooperative Sekem oder in Tansania, wo mit biodynamischer Baumwolle der Remei AG und dem GOTS- und SA8000-zertifizierten vertikalen Produzenten Sunflag vollständig nachhaltige Produktionsketten lokal realisiert werden können. Und Textile Exchange organisiert im März 2017 eine zehntägige Exkursion nach Südafrika, in deren Mittelpunkt die nachhaltigen Sourcingpotenziale des Kontinents stehen werden.

Noch bleibt abzuwarten, ob der Sinneswandel, der im Rahmen der UN-Konferenz in Marrakesch medial inszeniert wurde, eher ein kurzfristig aufloderndes Strohfeuer oder echte und nachhaltige Begeisterung für eine grüne Zukunft Afrikas ist. Ein Imagewandel ist im medialen Echtzeitalter schnell vollzogen. Nun gilt es für die handelnden Personen, internationale Modeeinkäufer und lokale Modeproduzenten parallel zum sich ankündigenden afrikanischen Wirtschaftsboom gemeinsam die zu einer ökologischen Transformation gehörigen Strukturen aufzubauen – das Potenzial dazu hat der Kontinent allemal.

Alex Vogt

Dieser Artikel erschien unter: www.sustainability-texpertise-network.com

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